Naturwissenschaft – Bildung oder Ausbildung?

Geschrieben am Mi, 06. Mai 2009 in Allgemein

Wie kann Naturwissenschaft Menschen nahe gebracht werden, die diese nicht mehrere Jahre studiert haben? Sind populärwissenschaftliche Bücher und Sendungen wie ‘Quarks & Co’ der richtige Weg? Und wieso ist das überhaupt nötig? Um Fragen wie diese wird es im nächsten IDF-Vortrag von Herrn Prof. Müller-Krumbhaar vom Forschungszentrum Jülich gehen. Der Vortrag findet am Donnerstag, dem 7.5. um 19:00 Uhr im Hörsaal III im Hauptgebäude statt. Unten findet ihr das zugehörige Abstract. Naturwissenschaft: Bildung oder Ausbildung?

Prof. Dr. Heiner Müller-Krumbhaar

(Physiker)

RWTH-Aachen, 7. Mai 2009

In einer zunehmend virtuellen Welt – „virtual reality“ – ersetzen wir inzwischen persönliche Kommunikation durch Emails und formelhaftes “SMS-en”. Elektronische Technisierung durchdringt unser tägliches Leben immer weiter: Techno-Music im Ohr, navigieren wir GPS-beseelt mit „denkenden“, mitlenkenden, hybridmotorisierten Autos im Stau; Computer im Heim, Roboter in der Fabrik; kaum ein Sportschuh mehr ohne Mikroprozessor; schwarze Solarpaneele statt roter Ziegeldächer; Windparks, wo Goethe fomulierte: “Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch…”. Spucken in der Bahn und Rauchen im Flugzeug ist Vergangenheit, man regt sich jetzt über Handys auf. Unsere naturwissenschaftlich-technische Kultur, die sich auch in vermehrten Wissenschaftsbeiträgen der Medien wiederspiegelt, scheint erfolgreich auf dem Vormarsch zu sein.

Demgegenüber steht eine “literarisch-intellektuelle” Kultur, die sich weniger mit den technisch-wirtschaftlichen Möglichkeiten, als mit den menschlich-emotionalen Bedürfnissen des Einzelnen in der Gesellschaft befasst. Solche mehr intuitiven Bedürfnisse und daraus resultierende Aktionen sind wegen der sozialen Implikationen und der politischen Konsequenzen für unsere Gesellschaft und damit letztlich für den Einzelnen mindestens so wichtig wie die rationale Komponente, die sich wesentlich auf naturwissenschaftlich-technische “Errungenschaften” stützt. Und vermeintlich folgerichtig war in der ZEIT schon vor Jahren zu lesen: ”Auch sich selber tun die Naturwissenschaften auf die Dauer keinen Gefallen, wenn sie partout mehr sein wollen als solides, aber fehlbares Expertenwissen”

Exponenten dieser beiden “Kulturen”, um mit C.P.Snow zu sprechen, scheinen also weiterhin erhebliche Probleme im Umgang miteinander zu haben. Eine Verbesserung dieser Situation setzt vermutlich voraus, dass man sich erst wieder auf eine gemeinsame Sprache einigt. Zwar haben die Naturwissenschaften dann den Vorteil, mit Superlativen öffentliche Aufmerksamkeit leichter gewinnen zu können. Kulturübergreifend aber finden intellektuelle Produkte ohne unmittelbar vermarktbaren Nutzen in der Politik wenig Resonanz. Vielleicht kann ja letztere Gemeinsamkeit der beiden Kulturgeschwister zumindest dazu dienen, das familiäre Band zwischen beiden wieder enger zu knüpfen.